
Die Antwort darauf fällt gemischt aus. "Marvel's Wolverine" ist kein schlechtes Spiel, im Gegenteil, es ist ein solides, actiongeladenes Erlebnis, das seine über zwanzig Spielstunden größtenteils unterhaltsam gestaltet. Aber es ist eben auch kein Spiel, das an die Klasse der Spider-Man-Titel heranreicht. Wer sich einen ähnlich cleveren, vielschichtigen Genre-Vertreter erhofft hatte, dürfte am Ende etwas enttäuscht zurückbleiben. Wer hingegen einfach mal so richtig als der beste Mutant im Marvel-Universum durch Gegnerhorden pflügen möchte, bekommt genau das serviert, nur eben ohne große Überraschungen auf dem Weg dorthin.
Die Geschichte: Solide erzählt, aber vorhersehbar
Die Handlung des Spiels führt Logan, besser bekannt als Wolverine, von den kanadischen Wäldern über die Hafenstadt Madripoor bis nach Japan und wieder zurück. Diese geografische Bandbreite ist beeindruckend und sorgt für optische Abwechslung, doch inhaltlich bewegt sich die Geschichte auf ausgetretenen Pfaden. Wer schon einmal eine Comicverfilmung oder ein Superheldenspiel konsumiert hat, wird die groben Wendungen meist kommen sehen, bevor sie tatsächlich eintreten. Das ist per se kein Todesurteil, nicht jede Geschichte muss das Rad neu erfinden, aber es sorgt dafür, dass die Spannung über weite Strecken eher gemächlich bleibt.
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Positiv hervorzuheben ist die Beziehung zwischen Logan und Jean Grey, die im Zentrum der emotionalen Ebene steht. Beide Figuren werden von ihren Sprechern glaubwürdig und mit spürbarem Gespür für die Nuancen der Charaktere verkörpert. Gerade Logan selbst wirkt trotz seiner rauen, wortkargen Art sympathisch, ein Kunststück, das dem Studio hoch anzurechnen ist, denn ein grantiger Einzelgänger als Hauptfigur zu etablieren, mit dem man mitfiebert, ist keine leichte Aufgabe. Für Marvel-Kenner gibt es zudem den ein oder anderen Insider-Verweis, etwa einen beiläufigen Seitenhieb auf einen bekannten Anwalt aus Hell's Kitchen, der aufmerksamen Fans ein Schmunzeln entlocken dürfte. Bemerkenswert ist auch, dass das Spiel bewusst auf ein großes Ensemble an X-Men verzichtet und sich stattdessen auf Logan als Einzelkämpfer konzentriert. Diese Entscheidung sorgt zwar dafür, dass die Geschichte nicht überladen wirkt, hinterlässt aber gleichzeitig ein leichtes Gefühl der Leere, gerade weil das Mutanten-Universum eigentlich so reichhaltig ist und hier kaum angekratzt wird. Erst im letzten Akt zieht die Geschichte spürbar an und zeigt, wozu Insomniac fähig ist, wenn sie sich trauen, emotional aus sich herauszugehen. Bis dahin bleibt vieles aber angenehm, aber eben auch bieder.
Kampfsystem: Rasant, blutig, aber mit Luft nach oben
Wer Wolverine kennt, weiß: Es geht um Krallen. Und genau hier liefert das Spiel ab. Das Kampfsystem versetzt Spieler in wilde, blutige Auseinandersetzungen, bei denen Logan seine Adamantium-Krallen mit roher Gewalt einsetzt. Für alle, die zuvor Jahre mit eher zurückhaltenden Superhelden wie Spider-Man oder Batman verbracht haben, die ihre Gegner in der Regel schonen, ist dieser ungefilterte, brutale Kampfstil zunächst eine erfrischende Abwechslung. Die ersten Spielstunden fühlen sich dadurch mitreißend und befreiend an. Das Problem: Diese anfängliche Begeisterung hält nicht über die komplette Spielzeit an. Zwar schaltet man im Laufe des Abenteuers neue Fähigkeiten frei, etwa besonders erhitzte Krallenangriffe, doch im Kern bleibt der Spielablauf immer derselbe, schlagen, ausweichen, kontern, wiederholen. Es fehlt an spürbarer taktischer Tiefe oder neuen Spielideen, die den Kampf über die gesamte Laufzeit frisch halten würden. Wer nur mal abschalten und sich durch Gegnerwellen schnetzeln möchte, wird auch nach Stunden noch zufrieden sein. Wer sich hingegen mechanische Weiterentwicklung erhofft, dürfte spätestens in der zweiten Spielhälfte eine gewisse Ermüdung verspüren.
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Verstärkt wird dieses Gefühl durch eine überschaubare Gegnervielfalt. Im Grunde kämpft man immer wieder gegen dieselben Grundtypen, die lediglich mit unterschiedlichen optischen Skins versehen werden, mal als Cyborg-Söldner, mal als Ninja-Organisation, mal als Roboter-Wächter. Zwar unterscheiden sich diese Gruppen in Aggressivität und Kampfverhalten leicht voneinander, wirklich eigenständig fühlt sich aber keine von ihnen an. Auch die Bosskämpfe, so spektakulär sie inszeniert sein mögen, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen oft als zähe Materialschlachten, bei denen man in erster Linie auf große Lebensbalken eindrischt. Trotzdem bleiben diese Momente Highlights, weil sie filmreif inszeniert sind und man Logan dabei zusehen kann, wie er sich buchstäblich von seinen Wunden erholt und immer wieder aufsteht, ein visuelles Markenzeichen des Charakters, das hier hervorragend zur Geltung kommt.
Leveldesign und Erkundung: Zwischen linear und offen
Vor Release wurde stellenweise der Eindruck erweckt, Wolverine biete eine besonders offene, frei erkundbare Welt. In der Praxis pendelt das Spiel jedoch zwischen engen, linearen Passagen und größeren, halboffenen Arealen hin und her, was grundsätzlich nicht schlimm wäre, wenn diese Inkonsistenz nicht bisweilen für Verwirrung sorgen würde. Besonders in den liebevoll gestalteten Gassen Japans wollte ich häufiger abseits des Pfades erkunden, nur um festzustellen, dass Wege durch parkende Autos, Menschenmengen oder unsichtbare Barrieren versperrt waren.

Ein weiteres kleines Ärgernis: Nähert man sich den Grenzen eines Levels, wird die Sprung- und Bewegungsfreiheit des Charakters spürbar eingeschränkt. Für erfahrene Spielerinnen und Spieler wird das schnell zum verlässlichen Signal, dass man den Inhalt eines Abschnitts ausgeschöpft hat, was zwar praktisch, aber auch immersionsbrechend ist. Verwirrend wird es zusätzlich dadurch, dass man später im Spiel in eine offenere Version desselben Gebiets zurückkehrt, was die vorherige Restriktion im Nachhinein noch unlogischer wirken lässt.
Zusatzinhalte: Die eigentlichen Higlights
Wo das Hauptspiel bisweilen ins Stocken gerät, glänzt "Marvel's Wolverine" bei seinen optionalen Herausforderungen, den sogenannten "Nightmare Doors". Diese Prüfungen, die konzeptionell stark an die Taskmaster-Herausforderungen aus den Spider-Man-Spielen erinnern, testen sowohl Kampf- als auch Fortbewegungsfähigkeiten der Spielerin oder des Spielers. Besonders die Herausforderungen rund um die Fortbewegung machen Spaß, weil sie Logans wilde, kraftvolle Beweglichkeit besser zur Geltung bringen als es die regulären Levelabschnitte tun. Neben Belohnungen und Bestenlisten-Ruhm verstecken sich hinter diesen Herausforderungen auch einige der besten erzählerischen Momente des Spiels, kleine Lore-Häppchen, die von den Sprecherinnen und Sprechern mit bemerkenswerter emotionaler Wucht vorgetragen werden.
Auch das Charakterdesign verdient Anerkennung. Insomniac musste sich in der Vergangenheit, unter anderem bei Spider-Man, Kritik an seinem Figurendesign gefallen lassen, hier überzeugt das Studio jedoch auf ganzer Linie. Die zahlreichen freischaltbaren Kostüme, von klassischen Comic-Looks bis hin zu Eigenkreationen des Studios, sind liebevoll gestaltet und spiegeln erkennbar die Historie des Charakters wider. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings die Darstellung von Haaren: Sowohl bei Sabretooth als auch bei Jean Grey wirkt die Haarphysik zeitweise deutlich überzogen und lenkt in ruhigeren, dialoglastigen Szenen unfreiwillig vom Geschehen ab.
Grafik und Technik: Solide mit Ausreißern
Optisch bewegt sich "Marvel's Wolverine" auf einem guten, aber nicht herausragenden Niveau. Besonders in den nächtlichen Abschnitten, etwa in den neongetränkten Straßen Japans, kann das Spiel seine visuelle Stärke ausspielen. Tagsüber und in helleren Umgebungen wirken manche Areale dagegen etwas steril und künstlich, fast schon plastikhaft. Landschaftlich gehören die kanadischen Wildnis-Abschnitte zu den optischen Highlights, nicht zuletzt wegen ihrer gelungenen Vertikalität, die zum Erkunden einlädt. Technisch überzeugt vor allem der Performance-Modus mit stabilen 60 Bildern pro Sekunde, der kaum sichtbare Kompromisse bei der visuellen Qualität eingeht. Der alternative, eher kinoreif ausgerichtete 30-fps-Modus mit höherer optischer Detailtiefe lohnt sich dagegen kaum, der spielerische Verlust an Flüssigkeit steht in keinem Verhältnis zum kaum wahrnehmbaren Grafikgewinn.
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