Arcade lebt und schreit laut
Screamer fühlt sich wie ein Relikt aus einer anderen Zeit an, allerdings nicht altbacken, sondern wie eine Neuinterpretation dessen, was Arcade-Racer einmal waren: schnell, zugänglich (aber nicht simpel), stilvoll und kompromisslos auf Spaß getrimmt. Schon das Intro macht klar, dass hier nicht nur Autos, sondern auch Charaktere im Mittelpunkt stehen.
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Wer sich nun denkt, dass ihm das Setting etc. irgendwie bekannt vorkommt und ein 90er Kid wie ich bin und noch den Sender 'Super RTL' kennt, wird vermutlich eine Parralele zu Michel Vaillant ziehen können. Diese Zeichentrickserie habe ich als Kind immer gerne geschaut und auch schon mal die Hausaufgaben liegen lassen. Die Michel Vaillant-Reihe hatte schon immer diesen besonderen Mix aus Motorsport, Drama und leicht überhöhten, fast schon stilisierten Rennszenarien und genau da dockt Screamer auf seine eigene Art an.
Während Michel Vaillant eher den klassischen Motorsport als Bühne nutzt, geht Screamer natürlich deutlich weiter ins Extreme, vor allem durch seinen Cyberpunk-Anime-Look und die Combat-Mechaniken. Aber die Parallelen sind da: unterschiedliche Teams mit eigenen Motiven, Rivalitäten, persönliche Geschichten abseits der Strecke – und eben Rennen, die mehr sind als nur 'wer zuerst im Ziel ist'.
Anspruchsvoll, eigenwillig – und verdammt gut
Das Herzstück von Screamer ist ohne Zweifel sein Fahrgefühl. Statt klassischer Drift-Mechaniken setzt das Spiel, ähnlich wie Genre-Experimente à la Inertial Drift, auf eine Steuerung mit zwei Analogsticks. Der linke Stick wird dabei für die normale Lenkung genutzt, während der rechte Stick gezielt das Heck des Fahrzeugs kontrolliert und so das Driften ermöglicht (auf PC natürlich mit WASD und ← und → - wir sind allerdings Controller Kids und sind entsprechend umgestiegen). Dieses System wirkt zunächst ungewohnt, entwickelt aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit eine erstaunliche Intuition und Tiefe. Sobald man beide Sticks, Gas, Bremse und Timing gleichzeitig im Griff hat, entsteht ein extrem flüssiges und dynamisches Fahrgefühl, das sich deutlich von anderen Genrevertretern abhebt.
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Zusätzlich erweitert Screamer sein Gameplay durch mehrere ineinandergreifende Systeme. Das Spiel erlaubt es, Gangwechsel manuell zu timen, wodurch ein zusätzlicher Boost generiert werden kann. Gleichzeitig belohnt ein Turbo-System sauberes und effizientes Fahren, während sogenannte „Strike“-Attacken genutzt werden können, um Gegner gezielt aus dem Rennen zu nehmen. Diese Mischung aus klassischem Racing und aggressiven Kampfmechaniken erinnert stellenweise an Reihen wie Burnout, geht aber durch die Systemtiefe noch einen Schritt weiter.Allerdings verlangt das Spiel den Spielern auch einiges ab. Klassische Hilfen wie Ideallinien oder Bremsanzeigen fehlen vollständig, sodass Streckenkenntnis und Fahrzeugbeherrschung essenziell sind. Das sorgt für eine intensive Lernkurve, kann aber gerade zu Beginn frustrierend wirken. Zudem kommt es gelegentlich zu Balancing-Problemen, insbesondere auf engen Streckenabschnitten, die nicht optimal mit dem auf flüssige Linien ausgelegten Fahrmodell harmonieren.
Ambition trifft Überladung
Die Kampagne mit dem Titel 'The Tournament' bildet das narrative Fundament von Screamer. In einer dystopischen Cyberpunk-Welt treten mehrere Teams gegeneinander an, getrieben von persönlichen Motiven wie Rache, Ruhm oder finanziellen Interessen. Inspirationen aus Anime-Klassikern wie Akira oder Ghost in the Shell sind dabei deutlich spürbar und prägen sowohl das Setting als auch die Figuren. Die Welt wirkt insgesamt durchdacht und bietet mit ihren verschiedenen Fraktionen und Charakteren ein interessantes Fundament. Allerdings leidet die Umsetzung unter strukturellen Problemen. Die Handlung springt häufig zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeitpunkten, was es erschwert, dem roten Faden zu folgen. Gleichzeitig ist das Pacing der Kampagne zu langsam geraten, wodurch sich viele Abschnitte unnötig in die Länge ziehen.
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Auch die Dialoge tragen nicht immer zur Immersion bei, da sie stellenweise überzogen und klischeehaft wirken. Trotz dieser Schwächen bleibt die Kampagne ein interessanter Versuch, einem Rennspiel mehr narrative Tiefe zu verleihen, auch wenn sie letztlich stärker als erweitertes Tutorial fungiert, das die Spielmechaniken schrittweise vermittelt.
Stylisch bis ins letzte Detail
Optisch verfolgt Screamer eine klare stilistische Vision. Anstelle von Fotorealismus setzt das Spiel auf Cel-Shading, kräftige Farben und einen starken Anime-Einfluss, wodurch eine unverwechselbare visuelle Identität entsteht. Die Fahrzeuge sind nicht lizenziert, sondern vollständig eigenständig designt. Dadurch wirken sie individueller und fügen sich besser in das Gesamtbild des Spiels ein. Besonders bei hohen Geschwindigkeiten und dynamischen Wettereffekten, etwa bei Regenrennen, entfaltet das Spiel eine beeindruckende Atmosphäre.
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Die Benutzeroberfläche ist modern und auffällig gestaltet und unterstützt den stilisierten Gesamteindruck. Dennoch gibt es auch hier Schwächen: Einige Strecken wirken vergleichsweise leer, und die Möglichkeiten zur Zerstörung der Umgebung bleiben hinter den Erwartungen zurück. Zudem hätte ein höherer Anteil an vollständig animierten Zwischensequenzen der Präsentation gutgetan, da viele Story-Elemente lediglich in statischen Bildern vermittelt werden.
Viel Inhalt, manchmal zu viel
Abseits der Kampagne bietet Screamer eine große Vielfalt an Spielmodi. Neben klassischen Einzelrennen stehen auch Teamrennen zur Verfügung, bei denen nicht nur die Platzierung, sondern auch das Ausschalten von Gegnern in die Wertung einfließt. Darüber hinaus gibt es Zeitfahren und Checkpoint-Herausforderungen, die zusätzliche Abwechslung bieten.Auch im Multiplayer-Bereich ist das Spiel breit aufgestellt und unterstützt sowohl Online-Rennen als auch lokale Splitscreen-Modi. Ergänzt wird das Angebot durch umfangreiche Leaderboards, die besonders kompetitive Spieler langfristig motivieren.
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Ein weiterer zentraler Bestandteil ist die Fahrzeuganpassung. Spieler können zahlreiche kosmetische Elemente freischalten und nahezu jedes Detail ihrer Fahrzeuge individualisieren. Diese Vielfalt sorgt zwar für eine hohe Motivation, kann aber durch die große Menge an freischaltbaren Inhalten mitunter auch unübersichtlich wirken.













